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Teil III: Das Symbolleder der Verzweiflung

Spieldauer: 65'

Dass die ersten beiden Teile der "Stiefel"-Trilogie nur einem kleinen (Programmkino-) Publikum bekannt sind, liegt wohl an ihrer "intellektuellen Zähigkeit" (Zitty). Insofern ist es zu begrüßen, dass der introvertierte Derwisch des Berliner Untergrundkinos beim dritten Teil wenigstens die Anforderungen an das Sitzfleisch der Zuschauer etwas zurückschraubt und sich diesmal auf eine gute Stunde beschränkt.

Der zynismusgeschwängerte Abschluss der Trilogie des Daseins führt wieder in den entmenschlichten Kosmos lustgetriebenen Fehlverhaltens, der die papierene Umgebung der Alltäglichkeit aus dem Zentrum der Banalität in den Hintergrund einer routiniert entstellten Thrillerkomödie entrückt und ohne Umschweife den Konsens der entworfenen Parallelwelt in irdisches Terrain zurücktransferiert.

Auch der dritte Teil ist voll von neuen Elementen und übertrifft die Erwartungen in Bezug auf Handlung, Komposition und Gestaltung. Die Apologeten, die da meinen, dass die filmischen Mittel erschöpft sind und sich das Kino nur noch selbst reproduzieren kann, werden wie im ersten und zweiten Teil Lügen gestraft. Nach den bereits grandiosen Vorgängern scheint im Schlussteil das gesamte Konzept ?Film? nicht mehr erkennbar, die einzige Parallele ist der Umstand, dass auch Madagaskars Streifen auf einer Leinwand stattfindet, womit die Gemeinsamkeiten auch schon aufhören.

Die Geschichte ist nicht neu, doch in diesem Ausmaß unübertroffen ehrlich erzählt. War es in den ersten beiden Teilen am Zuschauer, Ulrikas Schicksal einem Archäologen gleich unter den Schichten der Sedimente zu entdecken und in einem langwierigen, schabenden Prozess freizukratzen, wird dem Zuschauer diesmal offen suggeriert, dass Ulrika glaubt, am Ende ihrer Reise angekommen zu sein und sich auf die Übereinkunft in einer diametralen Gegenwart vorbereitet. In der Hand hält sie den alten Lappen, den ihr der Priester einst in einer initialen Zeremonie überreichte und dessen vermeintlicher Verlust wie ein Damokles-Schwert über der gesamten Szenerie des zweiten Teils schwebte.

Ulrikas Erkenntnis, damit das vermeintliche Symbolleder zu entschlüsseln und den Kampf gegen den Drachen (der abstrakt aus ein paar Glühlampen und Kohlensäcken besteht, die wie willkürlich dahin geworfen aussehen) doch noch zu gewinnen, geht fehl, und die positiven Assoziationen bezüglich des Symbolleders ebben ab in der Frage nach der Schuld, die sie sich von dem Priester des Drachens beantwortet erhoffte. Die anfängliche Freude wird nun zur Farce über die Absolutheit der inneren Einheit aus Zeit und Gefühl und entschwindet im Vakuum der Anklage, und wir beobachten, wie sich das Mädchen in die Kartoffelsäcke stürzt und sich unter bitterlichem Weinen erbricht. Das mit einer alten Videokamera in schwarz-weiß gefilmte Material und die anschließende Nachkolorierung in grün und blau widerspiegeln einerseits den Seelenzustand der Aktrice und erleichtert andererseits dem Publikum die gebannte Anteilnahme.

Es wurde selten so intellektuell über den Zustand des Films an sich räsoniert. Madagaskars Erzählkode ist aber nicht ohne Weiteres knackbar, auch wenn es junge Nachahmer gibt wie Martin Bontkutscher mit seinem burlesken Kriminalkomödiensubstrat "Der Kunde ist König", das die berühmte Maiskolbenszene aus Teil 2 fast eins zu eins übernimmt und die gesamte Filmhandlung am Ufer eines Flusses vonstatten gehen lässt. Versteckte Anleihen hat ein Kritiker auch in Gabriel Graufechters Lustspiel "Der zerbrochene Ziegel" ausgemacht, das im letztjährigen Jahrhundertsommer durch die Off-Theater im Märkischen Viertel getingelt ist. Eins jedenfalls ist klar: In der symbolischen Tiefe des "Stiefel"-Zyklus wird die Filmwissenschaft noch in hundert Jahren schürfen wie in einer nicht enden wollenden Goldmine.