Inoffizielle Homepage über den Westberliner Filmkünstler

 

Home

Trilogie
Teil 1
Teil 2
Teil 3

Links

Teil II: Die kalte Hand im Nacken des Bahnwärters

Spieldauer: 135'

Viele werden sich an die ungewöhnliche Erzählweise des ersten Teils der Triologie ("Der vollgewichste Russenstiefel") des damaligen Newcomers und mittlerweile gereiften Schiffy Madagaskar erinnern, der es sich herausnahm, mit der Tradition klassischen Kinos zu brechen, um aber gleich wieder alle Regeln neu zu definieren.

Der junge Filmemacher richtete sich absichtlich an ein ausgewählt intellektuelles Publikum, von welchem wiederum lediglich ein Bruchteil in der Lage gewesen sein dürfte, wenigstens einen Teil der aufgebotenen Symboltiefe zu erahnen. Die eineinhalb Stunden wirkten wie ein halbes Jahr regelmäßiger und paralleler Lektüre von "Ulysses" und "Finnegans Wake". Erleichtert und erleuchtet verließ man damals das Kino, und jedes Gespräch, jedes weitere Glas Wein verstärkte die tiefe innere Verlorenheit, die sich wie ein transzendenter Kokon um die Gedanken legte.

Endlich meldet er sich zurück, und die doppelt kontingente eigene Spannung pumpt das Blut unter Hochdruck durch die Venen. "Die kalte Hand im Nacken des Bahnwärters", der zweite Teil einer nun möglichen Trilogie, kommt diese Woche in die deutschen Programmkinos.

Die Geschichte um Ulrika, die schon im ersten Teil zwar Aufhänger einer Art Handlung war, aber letztlich doch nur Einstieg in eine philosophische Hetzjagd durch das Interior der menschlichen Psyche, wird weiter ausgedehnt, ja überdehnt, bis alle Stränge der Verbindung mit Urgewalt auseinandergerissen werden und kein Stein in seiner Struktur verharrt. Von einer Erzählung im herkömmlichen Sinne kann nicht mehr gesprochen werden, nicht einmal andeutungsweise, wie es im "Russenstiefel" ja noch der Fall gewesen war.

Nach 15 Minuten Schwarzbild, von einem sanften Geräuschbett untermalt, sehen wir Ulrika wieder. Die Aufnahmen scheinen durch den Boden einer Weinflasche fotografiert zu sein, und man sieht die Formen ihres Körpers und ihrer Bewegungen nur verschwommen. Man nimmt im Bildrauschen wahr, wie sie wild hüpfend über ein Kornfeld zum Fluss hinunterspringt, um sich theatralisch über das Wasser zu beugen.

Nachdem sie sich ihr Haar mit etwas Flusswasser benetzt hat, erschrickt sie vor ihrem Ebenbild auf der Wasseroberfläche und sinkt mit weit geöffneten Armen zu Boden. Eine Barke mit vier Tänzern gleitet über den Fluss, sie tragen enganliegende schwarze Einteiler und geben sich asynchronen Bewegungen hin, sanft nach dem Ufer winkend, während Maschinestampfen und verfremdete Marschmusik an dem Idyll kratzen. Ulrika bricht in Tränen aus, und die Kamera verweilt im Anschluss mehrere Minuten auf ihrer Hand, die sich um einen Maiskolben klammert.

Mit einer nie erlebten Leichtigkeit spielt Madagaskar mit der Symbolkraft des Wassers und versteht es, über Bilder oder versteckte Anleihen von den Großen der Antike eine archaische Welt in postmodernem Gewand wiederauferstehen zu lassen.

Auch wenn einem ab und an der Faden reißt oder man nicht in der Lage ist, beim ersten Sehen einen Fuß in Madagaskars Multikosmos zu setzen, kann man sich zumindest dem Rausch der Bilder und Töne hingeben, die tief ins Innere treiben und Horizonte der Berührung mit unbekannten Sphären des eigenen Ichs und Pfeilern der menschlichen Allgemeinpsyche schaffen. Dieses Werk ist der Beweis, dass das Kino nicht immer aus kommerziellen Gründen über den zweiten Teil den Gewinn zu verdoppeln sucht, sondern einer ersten intellektuellen Verwirrung eine zweite Ebene geistiger Tiefe nachführen kann.

weiter mit Teil III: Das Symbolleder der Verzweiflung